Teil 3: Loslassen beim Yoga
Leben ist Veränderung. Und jede Veränderung beginnt mit Loslassen.
Diese Einsicht ist für mich nicht nur ein Gedanke, sie ist ein immer wieder gelebter Prozess, vor allem auf der Yogamatte, in der Meditation, als Ritual. Und vielleicht ist er noch tiefer, wenn ich unterrichte. Denn hier bin ich selbst zugleich Schülerin und Lehrerin. Ich bin im Prozess und gleichzeitig Beobachterin.
Wenn ich in meiner eigenen Yoga-Praxis auf der Matte ankomme, beginnt das Loslassen oft ganz unscheinbar, und doch ist es fast ein Ritual. Ich lasse die äußere Welt zurück. Die Aufgaben, das Denken, die Rollen. Ich tauche in etwas Anderes ein, das nicht mit Wollen oder Planen erreichbar ist. Allein dieses Loslassen des mentalen Drucks, der inneren To-do-Liste, ist das, was für mich dazu gehört, sobald ich mich entschieden habe, mich auf die Matte zu begeben. Es ist ein Besinnen auf mich selbst. Und dort, auf dieser Matte, zeigt sich so einiges, was im Alltag zur Seite geschoben wurde, sei es schön und friedlich oder schmerzhaft, ein innerer Widerstand, den ich vor mir her schiebe, manchmal nur Müdigkeit. So wie es eben gerade ist.
Besonders in der Meditationen darf ich erfahren, wie kraftvoll das bewusste Konfrontieren und Akzeptieren dieser inneren Spannungen sein kann. Nichts ausblenden, sich der Angst stellen, statt sie zu umkreisen. Beobachten, da sein lassen, weitergehen.
Konfrontation und Akzeptanz sind keine Gegensätze, sie sind die Brücke ins Freisein. Ich habe gelernt, dass das, was ich wirklich ansehe, seinen Schrecken verliert. Es wandelt sich. Das ist kein intellektueller Vorgang, sondern ein Erleben, wie eine Bewegung in der Tiefe meines Systems.
Im Unterrichten wird mir diese Wahrheit oft noch bewusster. Ich sehe sie in den Menschen, die mir gegenübersitzen oder die Asana praktizieren. Besonders, wenn sie still werden spüre ich ihre Angst, ihre Hoffnung, ihr Festhalten und manchmal ihren Moment des Loslassens.
Es ist berührend, wie heilig diese kleinen Augenblicke sind. Wenn jemand plötzlich weint, nicht vor Schmerz, sondern weil er merkt, wie viele Blockaden da sind, die sich nacheinander lösen.
Das ist für mich das Herz jeder Praxis: ein Raum, in dem alles sein darf. Und in dem gerade dadurch Wandlung geschehen kann.
Oft erkenne ich bei meinen Schüler:innen meine eigenen Themen. Und ich weiß, dass ich genau so ringe und lerne. Auch ich lasse immer wieder meine Vorstellungen, Selbstbilder und Erwartungen los. Auch die Yoga Stunde darf sich entwickeln, wie sie sich entwickelt, ohne einer festen Vorstellung zu folgen.
Das regelmäßige Unterrichten hat langsam auch fast Ritual-Charakter. Manchmal habe ich das Gefühl als wenn eine große durchsichtige Glocke über uns gestülpt wird und uns schützt, wie in einer Blase. Es ist ein lebendiger Raum der Erfahrung, in dem es kein besser sein wollen gibt, jeder bei sich ist und in dem alles sein darf. Dieses Ritual kann helfen, die innere Flamme wieder zu spüren, dieses leise und dennoch kraftvolle Brennen im Inneren.
Ich lerne, dass Loslassen kein passiver Akt ist. Es ist ein Akt des Mutes. Der Entscheidung, mich mit offenem Herzen dem zu stellen, was ist.
ENDE