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Teil 3: Kumbhaka – Die Kraft des Atemanhaltens

Kumbhaka – Die Kraft des Atemanhaltens

Das bewusste Anhalten des Atems, Kumbhaka, hat eine tiefgreifende Wirkung auf Körper und Geist. Es bildet neben Ein- (Puraka) und Ausatmung (Rechaka) eine der drei Phasen des Atems im Yoga. Während Puraka als aktiver und Rechaka als passiver Atem gilt, steht Kumbhaka für den Schritt aus der Dualität heraus.

Dabei gibt es zwei Hauptformen – Antar Kumbhaka (Atemanhalten nach der Einatmung) versorgt den Körper mit zusätzlichem Sauerstoff und führt zu einer tiefen Ausdehnung der Lungen. Da unser aterielles Blut bereits zu 95–99 % mit Sauerstoff gesättigt ist, kann der Sauerstoffgehalt allerdings nicht wesentlich erhöht werden.

Entscheidend ist Kohlendioxid, das die Sauerstoffabgabe an die Zellen reguliert. 

Bei Antar Kumbhaka steigt der CO₂  Spiegel langsamer an, als bei Bahya Kumbhaka (Atemanhalten nach der Ausatmung) – hier erfolgt der CO₂ Anstieg schneller. Bei beiden Formen wird die CO₂-Toleranz trainiert, was dazu führt, dass insgesamt weniger geatmet wird.

Kumbhaka hat zahlreiche physiologische Auswirkungen. Es erhöht nicht nur den Kohlendioxidgehalt im Blut, der zur Weitung der Kapillaren im Gehirn führt und so die Durchblutung verbessert. Es wird außerdem das Nervensystem darauf trainiert, höhere Kohlendioxidwerte zu tolerieren, was tiefere Atemkontrolle ermöglicht. Wird Kumbhaka so lange praktiziert, dass der Sauerstoff Gehalt im Blut massiv absinkt, treten zusätzliche Anpassungsprozesse in Kraft.

Kumbhaka und verbesserte Sauerstoffversorgung

Bei langem Atemanhalten mit erheblichen Auswirkungen auf den Sauerstoffgehalt im Blut kommt es zu einer Reihe physiologischer Anpassungen, die die Sauerstoffnutzung im Körper optimieren. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Milz, die als Speicherorgan für rote Blutkörperchen dient. Sobald der Sauerstoffgehalt im Blut abnimmt – ein Zustand, der als Hypoxie bezeichnet wird – reagiert der Körper, besonders bei Kälte, mit dem sogenannten Tauchreflex. Dieser führt unter anderem zu einer Verlangsamung der Herzfrequenz (Bradykardie) und einer Verengung der peripheren Blutgefäße (Vasokonstriktion), um den verfügbaren Sauerstoff effizienter zu nutzen. Gleichzeitig zieht sich die Milz zusammen und gibt eine Reserve an Erythrozyten in die Blutbahn ab. Dies erhöht den Hämatokritwert und somit die Sauerstofftransportkapazität.

Diese Anpassung hilft dem Körper, auch bei reduzierter Atmung oder längeren Atempausen eine ausreichende Sauerstoffversorgung aufrechtzuerhalten. Besonders Apnoetaucher (hier ist es untersucht) nutzen diesen Effekt- doch auch im Pranayama-Training kann die bewusste Atemreduktion langfristig zu einer verbesserten Sauerstoffnutzung und einer effizienteren Atemökonomie führen.

Auch die Gehirnaktivität verändert sich während Kumbhaka. Studien zeigen eine verstärkte Produktion von Theta- oder sogar Gamma-Wellen, die mit tiefer Meditation, geistiger Klarheit und spirituellen Erlebnissen in Verbindung stehen. Durch das konstante Feuern von Neuronen, die zum Atmen anregen wollen entstehen neue neuronale Verbindungen, die die Wahrnehmung schärfen, was zu einer intensiveren geistigen Klarheit führt. Kreative Einsichten und Zustände der Selbstvergessenheit sind typisch für diesem Zustand. Hier verschwimmt die Grenze zwischen bewusster Wahrnehmung und tiefer innerer Reflexion. Yogische Texte sprechen von einem Zustand gesteigerter Selbstwahrnehmung und innerer Stille, der in Kevala Kumbhaka – einem spontanen, mühelosen Atemstillstand – gipfeln kann.

In diesen Atempausen verändert sich die Aktivität insbesondere im präfrontalen Kortex, der für rationales Denken, Planung und Selbstkontrolle zuständig ist. Während tiefer Meditation – und insbesondere auch während bewusster Atempausen – nimmst die Aktivität in diesem Bereich ab. Dies geschieht aus mehreren Gründen:

  1. Reduzierte sensorische Verarbeitung: Der präfrontale Kortex ist stark in die Verarbeitung externer Reize involviert. Während der Atemstille gibt es jedoch keinen neuen sensorischen Input durch Bewegung des Atems, sodass die Aktivität dieses Areals automatisch nachlässt.
  2. Verringerte Gedankenaktivität: Da der Atemrhythmus eng mit der geistigen Aktivität verknüpft ist, führt eine bewusste Verlängerung der Atempausen oft zu einer Beruhigung des Gedankenflusses. Das Gehirn wechselt von einem analytischen, kontrollierenden Zustand in einen offeneren, rezeptiven Modus.
  3. Veränderung der Neurotransmitter: Während des Atemanhaltens kann sich die Konzentration bestimmter Botenstoffe im Gehirn verändern, etwa durch eine erhöhte Ausschüttung von GABA (das beruhigend wirkt) und eine reduzierte Ausschüttung von Noradrenalin (das normalerweise die Aufmerksamkeit auf äußere Reize lenkt). Dies fördert einen Zustand tiefer Entspannung und innerer Stille.

Auch der Gasaustausch im Körper verändert sich während Kumbhaka grundlegend. Da kein CO₂ abgeatmet wird, steigt der CO₂-Partialdruck im Blut an, was die Sauerstoffabgabe an die Zellen erleichtert (Bohr-Effekt). Gleichzeitig sinkt die Sauerstoffsättigung leicht ab. Während viele Menschen unter einer Sauerstoffsättigung von 90 % Unwohlsein verspüren, können trainierte Praktizierende niedrigere Werte tolerieren, ohne negative Effekte zu erleben.

Diese Veränderungen wirken sich direkt auf das Bewusstsein aus. Ein moderater CO₂-Anstieg führt oft zu tiefer Entspannung und geistiger Klarheit, während eine starke CO₂-Retention tranceartige oder gar mystische Zustände auslösen kann. Methoden wie die Buteyko-Methode oder intensive yogische Atempraktiken nutzen diese Mechanismen gezielt, um Bewusstsein oder Körperfunktionen zu optimieren.

Viele Yogis beschreiben, dass sich in Kumbhaka eine innere Weite öffnet – ein Raum der Stille, in dem das Denken zur Ruhe kommt und ein tiefer Kontakt mit dem Selbst möglich wird. Sie berichten auch, dass sich in diesen Pausen ein Gefühl der Zeitlosigkeit und eine Auflösung des Ego-Gefühls einstellen können.

Wissenschaftlich könnte dies mit der veränderten Gehirnchemie während des Atemanhaltens zusammenhängen, etwa durch eine erhöhte Ausschüttung von Neurotransmittern wie GABA, die Entspannung und Bewusstseinsveränderungen fördern. Zudem tritt das Gehirn vermehrt in den Theta-Zustand ein – der Frequenz, die mit Kreativität, Intuition und tiefen meditativen Erfahrungen verbunden ist. 

Wer diese Stille bewusst erlebt, kann sich in einen Zustand reiner Präsenz versetzen, in dem der Atem nicht mehr als notwendige Funktion, sondern als Brücke zu tieferem Bewusstsein wahrgenommen wird. Auch die kurzen Pausen zwischen Ein- und Ausatmung sind natürliche Momente der Stille, die aber oft unbewusst übergangen werden.

Weiter geht es hier mit Teil 4

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