Loslassen ist ein zentrales Thema menschlicher Entwicklung. Es begleitet uns ein Leben lang oft unbemerkt, manchmal schmerzhaft, immer wieder notwendig.
Teil 1: Loslassen als Lebensprinzip
Noch bevor das Leben bewusst beginnt, zeigt sich Loslassen als ein Grundprinzip menschlicher Existenz. Die Seele, so heißt es in manchen Vorstellungen, existiert vor der Geburt in einem Zustand von Weite, zeitloser Verbundenheit, vielleicht sogar in vollkommener Einheit. Mit der Entscheidung, sich zu inkarnieren, lässt sie diese Einheit los. Sie wählt Begrenzung, Form, Vergänglichkeit und tritt in ein verletzliches, konkretes Dasein ein. Der Körper wird zum neuen Zuhause. Bereits dieser Übergang ist ein Loslassen der grenzenlosen Verbundenheit, und ein Eintritt in Individualität.
Die Geburt selbst ist dann das erste große Loslassen in dieser neuen Lebensform. Im Mutterleib ist alles verbunden, gehalten, sicher. Die Welt draußen ist laut, hell, kalt. Wir müssen selbst atmen, spüren, sind das erste Mal getrennt, denn in diesem Moment verlassen wir als Kind die vollkommen symbiotische Einheit mit der Mutter und damit auch die bedingungslose Geborgenheit. Es beginnt das Leben in der Welt der Dualität; und wieder ist es ein Loslassen, das den Übergang ermöglicht.
Auch in der Kindheit, die oft als Ort der Unschuld und Nähe verklärt wird, verläuft das Leben in Phasen des „Loslassens“. Das Baby, das ganz abhängig ist, beginnt langsam, sich zu lösen; es krabbelt, läuft, spricht, widerspricht. Es erlebt Frustration, Enttäuschung, eigene Wünsche, und muss lernen, dass es nicht in allem eins ist mit den Bezugspersonen. Auch das ist Loslassen: der völligen Bedürftigkeit, der naiven Vorstellung, dass alles einfach gegeben wird. Das Ich entsteht im Spiegel der Welt.
In der Jugend wird dieses Sich-Lösen radikaler. Es werden Grenzen getestet, Bilder zerlegt, Autoritäten infrage gestellt. Ideale, die einmal Halt gaben, zerbrechen oder verändern sich. Der Körper verändert sich, das eigene Ich wird neu zusammengesetzt aus Fragen, Sehnsucht, Rebellion. Um erwachsen zu werden, muss das Kind losgelassen werden, nicht nur von den Eltern, sondern auch von der Person selbst. Man lässt einen Teil der Unschuld hinter sich, vielleicht auch die letzte Illusion, dass jemand anderer das Leben richten wird.
Im Erwachsenenalter verdichtet sich das Loslassen auf neue Weise. Es wird stiller, unspektakulärer, aber nicht weniger einschneidend. Mit jeder Entscheidung lasse ich unzählige andere Möglichkeiten los. Ich wähle einen Weg und schließe andere damit aus. Ich entscheide mich für eine Partnerschaft und gegen andere. Ich entscheide mich für eine Stadt, einen Beruf, eine Lebensform. Und auch wenn diese Entscheidungen Kraft geben können, fordern sie oft ein leises Abschied nehmen von dem, was auch hätte sein können. Nicht alles lässt sich gleichzeitig leben. Und das ist nicht nur logisch, es ist manchmal auch schmerzhaft.
Mit der Zeit beginnt ein leises Umdenken. Ich merke: Nicht alles, was mir einmal wichtig war, muss es für immer bleiben. Lebensphasen verändern sich, und mit ihnen auch meine Rollen, meine Beziehungen, meine Sicherheit. Kinder werden selbstständig. Eltern werden schwächer. Beziehungen verändern ihre Dynamik, manchmal lösen sie sich. Ich selbst merke, wie mein Körper sich verändert, mein Blick auf die Welt, mein Tempo. Es ist nicht mehr nur ein äußerliches Loslassen. Es geht tiefer. Ich lasse Bilder los, die ich von mir hatte. Vorstellungen, wie mein Leben verlaufen sollte. Sicherheiten, die sich irgendwann als Illusion herausstellen. Das ist kein Scheitern; es ist Reifung.
Mit dem Älterwerden wird das Loslassen noch existenzieller. Ich lasse Vorstellungen los, die ich nicht mehr erfüllen möchte. Ich lasse Tempo los, Kraft, äußere Rollen. Ich merke, wie mich das auch freier macht. Ich brauche nicht mehr alles erklären, nicht mehr alles erreichen. Vieles wird stiller. Ich beginne, Dinge einfach stehen zu lassen. Das Leben hat sich verdichtet und wird dabei einfacher.
Und schließlich, irgendwann, steht das größte Loslassen bevor, der Abschied vom eigenen Leben. Auch hier, so glaube ich, kann Loslassen weniger wie ein Verlust wirken und mehr wie ein Heimkehren. Zumindest hoffe ich, dass ich so fühle wenn es soweit ist. Der Körper, der mich getragen hat, darf gehen. Die Geschichte, die ich erzählt habe, findet ihren letzten Satz. Und vielleicht kehrt dann etwas zurück zu der Weite, aus der es einst kam. Vielleicht ist auch das ein Loslassen, nicht ins Nichts, sondern in etwas, das jenseits von Form liegt.